[2019] Aephanemer – Prokopton

Album-Review zur «Prokopton» von «Aephanemer»

 

Facts & Figures

Band: Aephanemer
Herkunft: FR
Genre: Melodic Death Metal
Datum: 22.03.2019
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Line-Up
Martin Hamiche – Lead Guitar
Marion Bascoul – Vocals & Rythm Guitar
Lucie Woaye Hune – Bass
Mickaël Bonnevialle – Drums

Track-Liste
1. Prokopton
2. The Sovereign
3. Dissonance Within
4. Snowblind
5. At Eternity’s Gate
6. Back Again
7. Bloodline
8. If I Should Die

Children of Bodom hatten vor kurzem eine neue Veröffentlichung. Reden wir also über Aephenemer und ihr neues Album Prokopton, welches die Klangwelt des finnischen Melo Death wesentlich besser repräsentiert, als die letzten diskographischen Additionen des (ehemaligen) Genre-Primus. Auch wenn es sich bei Aephenemer um Franzosen handelt. Der Name ist übrigens ein Portmanteau der französischen Wörter „éphémère“ für „flüchtig, vergänglich“ und „fânée“ für „gefaltet“.

Aber reden wir über Aephanemer und ihr neues Album Prokopton. Der Begriff „prokoptōn“ stammt aus dem altgriechischen und bedeutet so viel wie „Fortschritt machen“. Spezifisch relevant ist der Begriff in der philosophischen Schule des Stoizismus, in welcher er verwendet wird, um den Fortschritt eines Individiuums zu beschreiben, spezifisch seine Entwicklung hin zu einer tugendhafteren Existenz. Durch die intellektuelle Erkenntnis der veränderbaren Umstände; den Handlungswillen um diese tugendhaft zu ändern; und durch die unbeirrte Akzeptanz unveränderbarer Tatsachen.

Aber reden wir über Aephanemer und ihr neues Album Prokopton in Hinblick auf die musikalischen Qualitäten. Wie eingangs geschrieben, bezieht sich die Band stark auf die Welt des finnischen Melodic Death Metal.  Nebst COB sind auch Wintersun, frühe Ensiferum oder auch Insomnium schnell in Erinnerung gerufen. Hyper-eingängige Gitarrenmelodien die gerne gedoppelt auftreten. Gelegentlich auftretende Keyboards die entweder die gedoppelten Gitarrenmelodien trippeln oder Keyboardflächen unterlegen, was der Musik einen symphonischen Einschlag gibt. Ansprechender Keifgesang, der hinreichend abrasiv ist, manchmal richtig schön giftig erklingt, dabei aber meist eine zum mitsingen anregende Eingängigkeit aufweist. Dies alles in einem leicht gehobenen Tempo, welches mal zum headbangen, mal zum epischen posen verleitet, und stets treibende Qualität aufweist. Zu all dem gesellen sich noch leichte Alleinstellungsmerkmale, da alles angereichert ist mit kleineren musikalischen Gallizismen wie etwa einer erhöhten Verspieltheit im Bereich der Rhythmik oder gelegentlichem sphärischen Klargesang. Dieser gewinnt zwar nicht gerade bei „The voice of xyz“, aber ist effektiv, geschickt gestaltet und verleit Aephenemer zusätzlichen Facettenreichtum. Zudem ist es ein dankbares Beispiel dafür, dass Aephenemer schlicht geschickte Songwriter sind, die nicht bloss Part um Part, Riff um Riff aneinander hängen, sondern sich erfolgreich Gedanken gemacht haben um den spannenden, abwechslungsreichen Aufbau ihrer Lieder und deren Eigenschaft als musikalische Gesamtstruktur.
Als persönliche Hörempfehlung Empfehle ich den Track „Back Again“ wärmstens.

Vor allem besticht ihre Musik aber durch die immerwährend elusive Qualität der Spielfreude. Man kann einfach nicht anders als in jeder Note heraushören, wie viel Spass diese Band hat, und das ist unglaublich ansteckend. So ansteckend, dass auch Menschen, die eigentlich mit dieser Spielart des Metal abgeschlossen, oder nie angefangen haben, Hörfreude entwickeln.

Aber reden wir über Aephanemer und ihr neues Album Prokopton im Hinblick auf die lyrischen Aspekte. Auch hier bezieht sich die Band vordergründig auf Themen der finno-skandinavischen Metalwelt. Lyrics über Natur, Charakterstärke und einsame Wanderer bestimmen das Sprachbild. Aber auch hier schaffen es Aephanemer, eigene Akzente zu setzen. Die initiale Abschweifung in die Welt der stoischen Philosophie erweist sich nämlich als angebracht, da die Texte sich auf die Ideale des Stoizismus zu berufen scheinen. Themen der Demut und des Aktionismus, in Bezug auf Erkenntnis der Welt und des Selbst, werden eingebettet in Sprachbilder über Natur und Ursprünglichkeit. Die ihrerseits auch einen inhaltlichen (Helveto-)Gallizismus vermuten lassen, da man sich etwas an die Philosophie von Jean Jacques Rousseau erinnert fühlt. Dieser postulierte in seinem „Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes“, dass der Mensch in seinem Naturzustand gut sei, und erst durch zivilisatorische Fehlentwicklungen die Qualität des Bösen entwickle. Ganz grob vereinfacht. Diesen Vibe versprühen jedenfalls die Lyrics ein bisschen, indem griechischer Stoizismus eingebettet wird in Konzepte der Wiederauffindung des Ursprünglichen. Vielleicht wird da jetzt etwas zu viel hinein gelesen, auf jeden Fall ist die grundsätzlich optimistische, philanthropische Ausrichtung der Texte etwas sehr erfrischendes. Poetologisch betrachtet sind die Texte von solidem textlichen Handwerk. Gelegentlich macht sich die Fremdsprachigkeit bemerkbar und poetische Juwelen sucht man vergebens, aber die Ideen sind interessant, werden effektiv vermittelt und man hegt nie den Wunsch sich die Hand ins Gesicht zu rammen. Was im Kontext der textlichen Ergüsse anderer Bands aus dieser Klangwelt schon fast Pullitzerpreis-verdächtig ist.

Aber reden wir, endlich, über Aephanemer und ihr neues Album Prokopton und die Tatsache, dass es wärmstens empfohlen sei, sich dieses Album anzuschaffen.

2019-03-25T19:18:17+02:00Bands: |

Über den Autor:

Stalder (Daniel) ist ein Nerd, der wahrscheinlich ganz viele Alben kritisieren und langweilig finden wird, die dir gefallen. In Sachen Live-Reviews ist er um einiges gnädiger, hauptsächlich dank Alkohol und Socializing. Musikalisch ist er breit gefächert, mit einer Vorliebe für das Progressive, das Extreme und die Avantgarde.

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