[2019] Burn Our Hometown – Canyons

Album-Review zu «Canyons» von «Burn Our Hometown»

 

Facts & Figures

Band: Burn Our Hometown
Herkunft: BE, CH
Genre: Metalcore
Datum: 20.01.2019
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Line-Up
Vocals – Robin Hermanek
Guitar – Hannes Rodel 
Guitar – Jan Witzke 
Drums – Maurin Gerber
Bass – Jens Birche

Track-Liste
1. Rough Times
2. Run
3. Trapped
4. Distant
5. Canyons
6. Brute Force
7. Oh Donald

Burn Our Hometown ist eine aufstrebende Metalcore (Revival?) Band aus – wer hätte es gedacht? – unserer werten Bundesstadt Bern. Mit ihrem Debüt „Canyons“ wird der geneigte Zuhörer auf eine musikalische Zeitreise um gut eine Dekade befördert. So in die ungefähre Mitte der 2000er, als Metalcore à la August Burns Red oder Heaven Shall Burn, sowie der Cousin namens Groove Metal (Man denke Machine Head oder auch Fear Factory) gefühlt das Zepter der Szene in der Hand hielten.
Und diese Zeitreise macht auch durchaus Spass. Der Opener „Rough Times“ stampft dem Hörer direkt ins Ohr, mit ein paar eingängigen melodischen Versatzstücken und ordentlichem Energielevel, inklusive einiger dezenter elektronischer Spielereien. Der Song bewegt sich konstant im Midtempo – mal reduziert, mal angezogen – Dank gutem Taktgefühl wird das aber nie langweilig.Darüber werden aggressive Screams gelegt, die eine ansprechend bestialische Qualität haben, dabei aber stets äusserst verständlich sind und eine gute tonale Dynamik entfalten. Abgerundet wird das ganze durch Klargesang, welcher an Fear Factory erinnert. Und so etwa lässt sich im ersten Song die Grundformel für die folgenden 6 Songs verorten. Im zweiten Track wird das z.B. weiter gesponnen, in dem zu Beginn ein Stampf-Part erfolgt, dann götteborg’sche Melo-Riffs ausgepackt werden, um zum Schluss in einen stetig das Tempo reduzierenden Beatdown zu enden. „Trapped“ spinnt im Mittelpart die melodische Ader weiter mit einigen Post-Anleihen, welche ebenfalls in Track Nummer vier, „Distant“, ausgearbeitet werden. Der Titeltrack „Canyons“ wird dann auf Groove reduziert, mit ein paar sphärischen Anklängen, in welchen sogar der Bassist sich in den Mittelpunkt bringen darf. Und er darf das auch wirklich.
Brute Force“ setzt dann wieder verstärkt auf hymnische Melodiösität mit einem netten Breakdown zum Schluss, der mit Synkopierung bestechen darf und sogar die vorhergehend etablierte Melodie wieder aufnimmt. Der Schlusstrack „Oh Donald“ peitscht den geneigten Hörer dann wieder nach Götteborg, um fortfolgend die emotionale Intensität zu steigern. Mit einigen „Spoken Word“-Passagen und einem abgehackten Riff wird das Album aber leider etwas abrupt beendet. So ein letzte Steigerung der musikalischen Intensität wäre erfreulich gewesen. So lässt das Album leider den begehrten Schlusspunkt vermissen. Kombiniert mit dem doch etwas plumpen Text des Closers hiterlässt dies leider einen suboptimalen Abgang. Donald Trump darf man sicherlich zu recht als Trottel betiteln, leider wird der Song dadurch aber arg datiert und irgendwie liegt bei dem Thema einfach mehr drin, als oberflächlich „falschen“ Patriotismus anzuklagen. Das dürfte emblematisch für politisch geladene Songs stehen, prinzipiell bieten ein paar Minuten Musik mit etwas Text einfach wenig Platz für differenzierte politologische Essays. Sprich, es sind schon viel grössere Kaliber an diesem Ansatz gescheitert. Ansonsten lassen sich die Songtexte durchaus ertragen, insbesondere da sie den immens wichtigen Mitgröhlfaktor konsequent bedienen. Ein guter Breakdown-Shoutout macht halt schon was her.
DIe Textfrage beiseite gelegt, sind die Songs, im grossen Ganzen, tight geschrieben und weisen stets einen guten Fluss auf. Was bei prominenten Einsatz von Breakdowns durchaus eine Leistung ist, da schnell das musikalische Gesamtbild fragmentiert wirken kann. Hier aber ist dem definitiv nicht der Fall, die Songs sind stimmig geschrieben, auch wenn eine gelegentliche Erhöhung des Tempos dem Album vielleicht noch etwas mehr Dynamik verleihen hätte. Die Melodieführung ist grösstenteils gelungen, wenn auch gelegentlich fragwürdigere melodiöse Entscheidungen aufblitzen. Die Vocals sind, wie zu Beginn beschrieben, sehr gelungen, jedenfalls im harschen Bereich. Der Klargesang ist ein interessanter Einsatz, es wird gezielt eine flach gesungene Monotonie angepeilt, wie bei en anfangs erwähnten Fear Factory. Das hört man in dieser Form eher selten, ist für sich genommen spannend, und gibt dem Album ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, dass sonst leider vermisst wird. In der Umsetzung wirkt dieser Gesang aber leider streckenweise gar strapaziert, der letzte gesangliche Feinschliff fehlt und so wirkt der Klargesang gelegentlich sehr ungeschlacht. Ein gezielter Einsatz von unterstützenden Vocal-Effekten, etwa ein schönes Delay, hätte dem wohl Abhilfe schaffen können, da hätte man noch etwas mehr Richtung Fear Factory schielen können. Bei den Screams kommen ja auch Effekte zum Einsatz und geben dem ganzen eine vollere Note und Dynamik.
Schlussendlich erfinden Burn Our Hometown das Rad des Metalcore nicht neu. Wollen sie aber auch nicht, müssen sie auch nicht. Diese Spielweise des Metalcore ist nämlich heutzutage schon eine gewisse Rarität, mit dem dieses Album aus der hiesigen kontemporären Musikszene hervorstechen kann. Und gut geschrieben sind die Songs auch allemal. Und wenn dann mit dem nächsten Album, oder einer Live-Darbietung, die Melodiebögen noch etwas Feinschliff erhalten, kann man sogar von sehr gutem Metalcore alter Schule reden. Sicherlich eine Hörempfehlung, auch für Menschen, denen dieser Sound sich nie ganz erschlossen hat, da Burn Our Hometown es grösstenteils sehr gut schaffen, mühsamere Klischees des Metalcore gekonnt zu umschiffen.

 

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2019-03-04T15:26:12+01:00Bands: |

Über den Autor:

Stalder (Daniel) ist ein Nerd, der wahrscheinlich ganz viele Alben kritisieren und langweilig finden wird, die dir gefallen. In Sachen Live-Reviews ist er um einiges gnädiger, hauptsächlich dank Alkohol und Socializing. Musikalisch ist er breit gefächert, mit einer Vorliebe für das Progressive, das Extreme und die Avantgarde.

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