Review


Meh Suff Winter-Festival
Ein Dutzend Bands lockten Metal-Fans am 17. und 18. Januar ins Dynamo Zürich. Zum Winter Festival 2025 lud das Meh Suff-Team vor allem Black Metal-Bands ein. Von folk-inspiriert und melodiös wie Wilderuin und Moonsorrow, atmosphärisch mit ColdCell, und etwas schneller und energetischer mit Naglfar, Helleruin oder Samstags-Headliner Venom; sowie ganz klassisch mit Asagraum. Für etwas Abwechslung zwischen den frostigen Klängen sorgten Freitags-Headliner Carcass, Brujeria und Rotten Sound, die das Meh Suff Winter Festival auf ihrer Europa-Tour als einzigen Stopp erkoren haben, sowie die zwei Schweizer Death Metal-Bands, die den Samstag eröffneten.
ColdCell eröffnete das Festival am Freitag auf blau getünchter Bühne. Die Schweizer Truppe aus Basel lieferte eine wortlose Darbietung, die nicht nur bestens in die kälteste Jahreszeit passte, sondern auch die Atmosphäre des Festivals vorgab. Zwar war es zu Beginn ihres Sets vor der Bühne noch etwas leer, aber die Halle des Dynamos füllte sich während ihres Auftritts nach und nach. Mit Rotten Sound wurde es auch vor der Bühne lebendig – mit nur wenig Anregung des Vokalisten formte sich die erste Circlepit; und es dauerte ebenfalls nicht lange, bis auch der erste Crowdsurfer über den Köpfen der Zuschauer bis zur Bühne schwebte und prompt von der Security wieder ins Publikum gezerrt wurde. Zwar spielte die Band „nur“ 30 Minuten lang, aber wie es sich für eine Grindcore-Band gehört, passten genauso viele – oder mehr – Songs auf ihre Setlist wie auf die der anderen Bands des Festivals.
Als Nächstes stand Naglfar als zweite (und letzte) Black Metal-Band des Abends auf der Bühne. Die Schweden spielten ein dreiviertelstündiges Set quer durch ihre Diskographie von hochkarätigem Melodic Black Metal. Dafür sind sie extra aus ihrer Heimat angereist; während sich ihre Vorgänger Rotten Sound sowie die Nachfolger Brujeria und Carcass gerade auf Europatour befinden. Ob Brujeria überhaupt auf die im letzten Herbst angekündigte Tour mitkommt und beim Meh Suff Winter Festival auftritt, war lange nicht klar – denn zwei ihrer Gründungsmitglieder, Pinche Peach und Juan Brujo, verstarben kurz nacheinander im Juni und September letzten Jahres. Darum standen sie nicht wie gewohnt zu sechst, sondern mit reduziertem Line-Up nur zu viert auf der Bühne. Trotzdem konnte die Band das Publikum richtig in den Schwung bringen und das Leben ihrer verstorbenen Mitglieder durch ihre Musik zelebrieren. Es gab während ihres Sets eine fast durchgängige Moshpit, die nur teilweise kurz von den Ansagen des Vokalisten El Sangrón unterbrochen wurde. Und auch in der Abwesenheit von den gesanglichen Beiträgen von Pinche Peach und Juan Brujo wurde er kräftig vom Publikum unterstützt.
Last but certainly not least – Carcass. Vor ihrem Set wurde noch die Bühne umgebaut und brachten ein eigenes Schlagzeug, dekoriert mit der ikonischen Albumkunst von „Surgical Steel“ mit. Zudem brachten die Briten nicht nur einen Backdrop, sondern auch eine Filmprojektion mit, die sich während des Sets im Hintergrund abspielte. Die Band, die sowohl Goregrind als auch Melodic Death Metal (mit-)erfunden hatte, konnte sowohl mit ersterem als auch letzterem in der Setlist überzeugen – ob Genital Grinder aus ihrem Debüt „Reek of Putrefaction“ oder „Heartwork’s No Love Lost“, es gab etwas für jeden, sei er Fan von den „Oldies“ oder dem neueren Output der Band.
Der zweite Festivaltag wurde wieder von lokalen Bands eröffnet – zuerst Uncaved, danach Defaced aus Bern. Uncaved spielte ihre „hässige Musik“ noch vor lichtem Publikum, das sich aber im Laufe ihres Sets immer mehr auffüllte. Wer da war, kam in den Genuss von sechs Liedern von ihrem 2023 erschienenen Debütalbum „Dogmatorraistes“. Bemerkenswert (und innovativ): den Bass verzierte ein improvisiertes Fretwrap aus einer (frischen?) Socke. Ob dies so vorgesehen war oder eine Improvisation aus Not ist nicht klar – aber der Bass hatte darunter keineswegs gelitten. Nach Uncaved’s progressivem Death Metal ging es weiter mit Defaced, und damit zurück zu etwas klassischerem Death Metal. Die Berner standen vor allem mit neuem Material auf der Bühne – seit ihrem letzten Album ist es schon 10 Jahre her, aber jetzt sollte es bald eine neue Platte geben. Beim Publikum kam es gut an – zur Halbzeit des Sets kam mit etwas Anregung der Band Bewegung im Saal auf, und der Set-Closer „Culling the Heard“ wurde von einer ziemlich großen Moshpit begleitet.
Mit Helleruin kehrten wir zum Black Metal zurück. Obwohl die Band ein Soloprojekt vom Frontmann Carchost ist, brachten die mitgereisten Livemusiker mindestens genauso viel Energie auf die Bühne wie er. Man fragt sich, warum überhaupt ein Mikrofonständer auf der Bühne nötig war – nach viel Herumgefuchtel und furchteinflößender Gestik flog er seitlich von der Bühne (und zum Glück nicht in die Menge). Leider gingen die Gitarren ein bisschen im Mix unter und man konnte vor allem das Schlagzeug und das Gekrächze von Carchost heraushören. Trotzdem wurden sich auf und vor der Bühne die Hälse wund ge-headbanged.
Vor dem Auftritt von Helleruin gab es einige Zuschauer, die sich über die sehr freigiebige Verwendung des Stroboskops während der vorherigen Auftritte beim Lichttechniker beschwert haben. Ganz ohne ging es zwar während ihres Sets nicht, aber der Einsatz wurde genug reduziert, um das Auge ein wenig zu entlasten. Wilderun’s Auftritt kam dagegen fast ganz ohne aus – passend zur ruhigeren Musik gab es auch eine etwas weniger hektische Bühnenbeleuchtung. Eine gut verdiente Pause für Augen und Ohren. Die Amerikaner reisten ebenfalls extra fürs Meh Suff Winter Festival in die Schweiz, und erzählten gleich zu Beginn ihres Sets begeistert vom Fondue vom Vorabend. Das Publikum kam als erstes in Europa zum Genuss einer Live-Performance von „Far from Where Dreams Unfurl“, einer über acht-minütigen Progressive Folk Metal Nummer und, jedenfalls laut Spotify, eines ihrer beliebtesten Lieder.
Moonsorrow knüpfte an die Balladen von Wilderun an, aber sowohl musikalisch als auch visuell mit einem eindeutig stärkeren Black Metal-Einschlag. Die Finnen setzten Klargesang etwas sparsamer ein als ihre Vorgänger. Ihr einstündiges Set füllten die Finnen mit sechs Songs in entsprechender Länge. Nebst eigens komponierten Liedern wie die fast 20-minütige epische Erzählung „Jotunheim“, eine fast 20-minütige Erzählung über den gleichnamigen Lebensraum der Eisriesen in der Nordischen Mythologie, spielten sie ein Cover von Rotting Christs’ „Non Serviam“.
Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit Venom, die gleich mit dem Klassiker „Black Metal“ das Publikum aufheizten. Nebst einem aktiven Moshpit wurde auch lautstark mitgesungen und -geschrien. Mit ihrem energetischen Auftritt kehrte das Stroboskop wieder zurück – aber immer noch in etwas reduzierter Kapazität als am Vortag und zu Beginn des Abends. Leider nahmen nicht alle die „Mosh-Etikette“ ernst und es wurde mitten im stehenden Publikum Hardcore „getanzt“. Auch unpassend zur Musik – zwar inspiriert sich Venom auch an Punk und Hardcore, aber nicht wirklich genug, um um sich zu schlagen. Nebst einigen wenigen neueren Songs von ihrem letzten zwei Alben spielte das Trio vor allem Lieder ihrer ersten zwei Platten – „Welcome to Hell“, sowie „Black Metal“, das dem gleichnamigen Genre seinen Namen gab.
Nach dem Auftritt von Venom wurde es wieder ruhiger im Saal und einige machten sich schon auf den Weg nach Hause. Als „Rausschmeißer“ trat die Black Metal-Truppe Asagraum auf. Mehr als alle anderen Bands auf dem Lineup bedienten sich die Niederländerinnen an den gängigen Klischees des Genres. Zu Beginn des Sets streckte Frontfrau Obscura einen der Schädel, die die Bühne dekorierten, zum Gruß des Publikums in die Höhe. Passend dazu folgte ein Set mit Black Metal-Songs, die von okkulten Ritualen und Satansbeschwörungen handelten. Asagraum war – leider – die einzige Band des Festivals, bei der nicht nur Männer auf der Bühne standen. Etwas mehr Parität wäre wünschenswert, sowohl auf der Bühne als auch in der Technik (und natürlich auch im Photographengraben).
Die 2025 Edition des Meh Suff Winter Festivals überzeugte mit einem ausgewogenen Line-Up an beiden Tagen sowie einem reibungslosen Ablauf – keine Verspätungen und keine zu langen oder zu kurzen Sets.