Review
Coroner Album Release Show
Vor 32 Jahren hatten Coroner ihr fünftes Album „Grin“ veröffentlicht. Nun ist es an der Zeit für das nächste – „Dissonance Theory“ wurde diesen Oktober veröffentlicht und nun im Dynamo offiziell eingeweiht. Coroner wird von Tar Pond unterstützt, die den Abend eröffnen.
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This feature is only available for logged in users. Please login or create a account. Login / RegisterBevor wir zu den schnelleren Tönen von Coroner kommen, ist Tar Pond an der Reihe. Die Doom-Band, ebenfalls aus Zürich, macht von Anfang an klar, dass Geschwindigkeit nicht ihr Ding ist: „Ihr seid für schnelle Musik hier? Fuck you!“ Vom ersten Ton an kreieren die Fünf eine andächtige Stimmung und bauen langsam an Intensität auf. Ihr erster Song „Damn“ ist ihrem 2017 verstorbenen Bassisten Martin E. Ain gewidmet, Gründungsmitglied der Band sowie Ex-Bassist von Celtic Frost und Hellhammer. Das dreizehnminütige Stück zieht sich in die Länge, aber jeder Ton, jeder Schlag und jedes Wort schlägt bis zum Schluss ein, mit Nachdruck. Dass sie vor Coroner spielen dürfen, sei eine große Ehre, so der Vokalist, aber es sei „keine Vetterliwirtschaft“, und Coroner habe sie mal auf YouTube entdeckt. Letzteres ist nicht so glaubhaft – Tommy Vetterli, der Gitarrist von Coroner, hat nicht nur ebenfalls mal selbst in Tar Pond mitgespielt, sondern auch beide ihre Alben produziert. Auch wenn für die Auswahl der Vorband etwas Vitamin B mitgespielt hat, die ausladenden Klänge von Tar Pond und nicht zuletzt das melodiös-atmosphärische instrumentale Outro von „Blind“ machen Lust auf mehr – und auf den Auftritt von Coroner.
- Damn
- Death
- Bomb
- Please
- Blind
Wie voll das Dynamo ist, wenn’s ausverkauft ist, zeigt sich spätestens beim Versuch, sich nach hinten zur Bar zu begeben – oder in meinem Fall, zu den Toiletten. Da Frau aber hier demografisch nicht ganz so gut vertreten ist, gibt’s (fast) keine Wartezeit. Dafür muss ich mich an den wartenden Männern vorbeizwängen. Apropos Demografie: Das SRF prophezeit ein Event für „ältere Männer, die sich nochmal für einen Abend in ihre Headbangerjugend zurückversetzen„. Das kann ich nur bedingt bestätigen – einige ebenfalls angefressene jüngere Semester sind ebenfalls dabei.
Coroner beginnen ihr Set mit Oxymoron, Consequence und Sacrificial Lamb, die zugleich ihr neuestes Album eröffnen. Dies ist erst vor einer Woche veröffentlicht worden, trotzdem scheinen einige in der ersten Reihe schon jedes Wort zu kennen. Auch „Masqued Jackal“ lässt die Stimmbänder der Zuschauer weiter warm werden. Außer mit- und reinschreien und -singen aber nicht so viel los – mit Ausnahme eines einsamen Crowdsurfers, der ausgerechnet auf dem einzigen noch verbleibenden Fotografen stürzt, bleibt es ruhig. Das spricht vielleicht für die These des SRF. Auch wenn verschiedene Altersgruppen nicht besonders gut vertreten sind, gilt dies nicht für die Länder: Nicht wenige haben den Weg aus dem nahen und fernen Ausland in die Schweiz auf sich genommen, um bei Coroner’s Albumvernissage dabei zu sein, was die Leuchtkraft der Band auf internationaler Ebene zeigt, unzählige Bands zitieren sie als Einfluss. Aber die große Frage ist: Tönt Coroner immer noch wie Coroner von früher? Um das ganz genau zu beantworten, bin ich nicht ganz genug in der Materie drin, aber auf der Bühne kam die ganze Schaffensgeschichte der Band harmonisch zusammen. „Dissonance Theory“ knüpft an, wo Coroner in den Mitte 90er aufgehört haben (oder nicht ganz?). Während ihre ersten drei Alben im Technical Thrash angesiedelt sind, sind Coroner mit „Mental Vortex“ und „Grin“ experimenteller und progressiver geworden, was sich in ihrem neuesten Album weiterzieht. Live überzeugt die Band mit viel Energie (und Humor) und schafft es, ihre über vierzigjährige Geschichte in etwas mehr als eineinhalb Stunden zusammenzufassen. Zur Zugabe von „Purple Haze“ holt die Band auch Marquis Marky ans Schlagzeug, Gründungsmitglied von Coroner und jetziger Schlagzeuger von Tar Pond. Ein großartiger Schlusspunkt für den Anfang einer neuen Era der Band.
- Oxymoron
- Consequence
- Sacrificial Lamb
- Divine Step
- Serpent Moves
- Masked Jackal
- Symmetry
- Semtex Revolution
- Tunnel of Pain
- Metamorphosis
- Grin
- Renewal/Prolonging Outro
Encore:
- Purple Haze (with Marky)
- Reborn Through Hate
- Die by My Hand
Wer Coroner verpasst hat, kann sie zusammen mit Tar Pond und Silver Dust am 24. November in Lausanne sehen, danach sind noch einige internationale Auftritte angekündigt. Und wer in Zürich die „Headbangerjugend“ vermisst hat, ist man in der Romandie vielleicht ebenfalls besser bedient, denn bei ihrem Auftritt in der Usine in Genf im Januar 2024 ging es einiges wilder zu und her.