Review
Züri Gmätzlets Vol. V
Das Züri Gmätzlets geht in die fünfte Runde. Abermals lockt das Meh Suff Team mit einem hochkarätigen Line-Up ins Dynamo in Zürich. Auf dem Programm: Kult-Death-Metaller Bloodbath aus Schweden, und ihre Landesgenossen The Crown, die auf Abschiedstournee sind. Die, die es schneller und brutaler mögen, waren mit Defeated Sanity und Analepsy gut bedient. Brutal Sphincter und Excrementory Grindfuckers steuerten den Humor bei, und Kess’khtak heizte die Halle als (fast) Lokalsupport ein.
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This feature is only available for logged in users. Please login or create a account. Login / RegisterNach ein paar Tagen Frühling wird es just zum Züri Gmätzlets wieder kalt. Ich bin zu Schnee aufgewacht, in Zürich ist es aber ein paar Grad wärmer als änet dem Röstigraben, und die Schneeflöckchen weichen ostwärts einem Nieselregen. Zum Glück ist die Schlange vor dem Dynamo zumindest zu meiner überpünktlichen Ankunft (noch) nicht lange, und drinnen ist es trocken und wird mit dem langsam wachsenden Publikum auch immer wärmer. Ausnahmsweise ist der Fotograben mal schön weit – und als einzige anwesende Fotografin habe ich schön Platz. Ganz nett hier… wäre nicht die Berieselung mit Ländler und Schlager, für die sich die Organisatoren entschieden haben. Vor Nervenzusammenbruch meinerseits wird das Ganze von einem Gitarrenriff unterbrochen. Doch zu früh gefreut: Es geht weiter mit Trio Eugster, denn bis Kess’khtak das Konzert eröffnet, dauert es noch ein paar Minuten.
Den Auftakt zur fünften Edition des Züri Gmätzlets machen Kess’khtak. Die Genfer sind die einzige einheimische Band an diesem Abend und setzen die Latte gleich hoch an. Mit viel Energie geht’s mit „Inner Unrest“ los, einer der Songs ihrer letztes Jahr neu veröffentlichten EP „Peace is Over„. Die Band bedankt sich beim Publikum für das frühe Kommen mit einem „Grüezi Mitenand“ – dann wird aber auch schnell wieder auf Englisch gewechselt. Nach dem mehrstimmigen „Allez Genève“ aus der Menge zu urteilen, wäre aber auch Französisch angebracht. Zwar ist noch nicht so viel los im grossen Saal des Dynamos, aber es kommt trotzdem etwas Bewegung in die Menge – die Musik lädt dazu ein. Das Weltgeschehen darf aber nicht vergessen werden, und die Band widmet „Altar of Sacrifice“, ebenfalls auf ihrer neuesten EP, den Kindern von Gaza.
- Inner Unrest
- Vendetta
- Born with a Curse
- Betting on the Fool
- World goes Blind
- Altar of Sacrifice
- Silence
- Cash System
Als Nächstes dran ist Brutal Sphincter. Ihren Auftritt kündigen sie mit „macht euch bereit für Circle Pits und Politik“ – letzteres, weil sie „political Goregrind“ spielen. Muss man das sagen, oder sollte das nicht offensichtlich sein? Zu Anfang kämpfen sie aber nicht gegen das System, sondern gegen den Sound. Anfangs funktioniert eines der Mikrofone nicht, und das Schlagzeug übertönt alles andere. Zumindest im Fotograben – diesmal mit viel Platz – ging das meiste irgendwo im Mix unter. Nach den ersten paar Songs tönt es aber schon viel besser, und das Publikum leistet den Anweisungen der Band Folge, eine Circle Pit zu formen. Lange hält es nicht, aber es kommt Bewegung in die Menge. Weitere Anweisungen folgen – zu „The Art of Squirting“ soll es nur Frauen in der Pit haben. Schon vor ihrem Auftritt hat sich jemand bei mir beschwert, dass Brutal Sphincter das macht – ist halt unfair, wenn die Welt sich mal für zwei Minuten und elf Sekunden nicht um einen dreht. Die Politik lässt immer noch auf sich warten – bis zu „Abolish Frontex“, was mit der etwas lauwarmen Aussage, dass Migranten nicht an der Grenze sterben sollen, kommentiert wurde. Zumindest hat sich etwas bei der Frauenquote getan, und ich muss zum allerersten Mal im Dynamo bei den Toiletten anstehen. Auf der Bühne sieht es aber, wie immer, ziemlich katastrophal aus (müsste aber natürlich nicht sein).
- Prolapse of Society
- Tony Hawks Pro Choice 2022
- Crusta Colada
- Autistic Meltdown
- Anders Breivik Utopia Party
- Sphinct-Earth Society
- Name Three Songs
- The Art of Squirting
- Beatdown Syndrome
- Analhu Akbar
- Make Goregrind Great Again
- Prohibit Anime
- Unvaxxed Lives Matter
- Abolish Frontex
- Gore Grind Number One
Nach Brutal Sphincter scheint das Publikum von der ganzen Rennerei ausgepowert zu sein. Analepsy aus Portugal versucht aber ihr Bestes, alle wieder in Bewegung zu bringen. Auf der Bühne ist jedenfalls vom Anfang an viel los, inklusive jonglierender Drummer. Die zweite Wall of Death des Abends ist aber ein schöner Startschuss zu einer aktiven Pit. Langsam wird es auch etwas eng im Saal, und auch hinten wippen die Köpfe mit. Nebst Songs ihrer zwei Alben werden auch zwei ihrer neuesten Singles interpretiert – Cryogenic Rebirth und Doomsday Protocol, beides neue Versionen von Songs, die ursprünglich auf einem Split mit Kraanium veröffentlicht wurden, aber jetzt mit einem ganz neuen Lineup überarbeitet wurden.
- Cryogenic Rebirth
- Doomsday Protocol
- Locus of Dawning
- The Vermin Devourer
- Fractured Continuum
- Stretched and Devoured
- Apocalyptic Premonition
- Atrocity Deeds
- Genetic Mutations
- Viral Disease
- Quiescence
Defeated Sanity steht als Nächstes auf der Bühne. Ein Highlight des Abends – meiner Meinung nach tönen sie live gleich tausendmal besser. Bis anhin haben mich die sehr helle Bühnenbeleuchtung nicht so gestört – mal eine nette Abwechslung! Aber langsam setzen die hellen Lichter meinen Augen zu. Zwar passt es ganz gut zur Musik von Defeated Sanity, aber die blitzenden Scheinwerfer und das Stroboskop werden irgendwann auch zu viel des Guten. Hören reicht aber bei weitem aus – auch wenn die Performance selber natürlich auch beeindruckend wäre. Tipp: Nahe beim Bassspieler tönt es am besten.
- Introitus
- Consumed
- Odour
- Accelerating
- Temporal
- Calculated
- Propelled
- Heredity
- Patriarchy
- Condemned
- Soil
The Crown feiern bei ihrem Auftritt beim Züri Gmätzlets zugleich ihren allerletzten Auftritt in der Schweiz. Die Schweden bespielen die Bühnen von Europa auf Abschiedstour, 36 Jahre nach Gründung der Band. Sie sind die einzige Band auf dem Line-up, die mir vollkommen unbekannt war, und ich lasse mich überraschen. Der Name suggeriert Christian Rock, die Setlist eher das Gegenteil (Satanist, Churchburner, Kill the Priest…). Die Schweden würden vielleicht besser auf das Line-up von anderen Meh Suff Events passen, aber die melodiösen, Thrash-angehauchten Riffs reissen doch den einen oder anderen mit. Das Einzige, was wirklich stört? Das extrem helle Licht, und ich sage das weder gerne noch oft. Ein bisschen weiter hinten im Saal ist es etwas angenehmer, trotzdem verabreicht sich jemand neben mir gleich selbst Augentropfen. Die hätte ich auch dabei, aber bevor ich mich halb blind zu meiner Ausrüstung vorkämpfe, ist die Show vorbei.
- Crowned in Terror
- Under the Whip
- Satanist
- Deathexplosion
- Executioner
- World Below
- Churchburner
- At the End
- Kill the Priest – Eternal Death
- Zombified
- Total Satan
Endlich gibt’s keinen Ländler mehr zu hören, sondern Black Sabbath. Hat sich wer beschwert? Bloodbath, der Headliner des heutigen Abends, ist als Nächstes dran. Ursprünglich sollte Blood Red Throne den Spot innehaben, sind jedoch ziemlich kurzfristig abgesprungen. Mit Bloodbath wurde ein würdiger Ersatz gefunden. Die Schweden stellen sich aber zunächst als Zürcher vor (inklusive Celtic Frost Shirt, die kommen ja auch aus der Region) – damit punkten sie aber nicht besonders beim Publikum, denn ob Witz oder Versprecher, „the crowd goes mild“. Vielleicht aus nichts-verstehen, vielleicht aus nichts-sehen, denn trotz der Rüge des Vokalisten an das Licht ändert sich vom Saal aus nicht sehr viel. Zwar spielt die Band jetzt nicht mehr „vor einem Schneepflug“ und kann das Publikum einigermassen sehen, das Licht von hinten bleibt gleichermassen grell – nur ist es nun rot, also ein Schneepflug von hinten. Ich bin ein wenig eifersüchtig auf die Sonnenbrille des Schlagzeugers, und bin damit wahrscheinlich nicht die Einzige. Stattdessen suche ich mir eine grosse Person, um mich hinter sie zu stellen. Es ist „awfully quiet for a Saturday evening“ – wo ist die Energie geblieben? Die Band schlägt vor, dass wir mehr trinken sollen. Für „Mock the Cross“ gibt’s trotzdem viel Jubel aus dem Publikum. Das Set erstreckt sich über die ganze Diskografie der Band, angefangen mit „Breeding Death“ aus ihrer Debut EP bis zu „Carved“ von ihrem letzten Album „Survival of the Sickest“, sollte also doch irgendwas für alle dabeihaben.
- So you die
- Breeding death
- Carved
- Like Fire the Day
- Outnumbering
- Putrefying corpse
- Cancer of the Soul
- Brave New Hell
- Mock the Sross
- Fleischmann
- Let the Stillborn Come to Me
- Cry my Name
- Eaten
Nach Bloodbath leert sich der Raum, aber eine Band steht noch an: Excrementory Grindfuckers. Die Spass-„grind“-core Band aus Deutschland wurde als Rausschmeisser bzw. als Überleitung zur 90er Disko im Werk 21 angesetzt. Mit den ersten Tönen wird klar, dass die Schlagersongs von vorher doch irgendwo einen Bezug auf das heutige Züri-Gmätzlets: Die meisten Songs on Excrementory Grindfuckers sind „Grindcore“ (light on the Grind) Covers von was auch immer man auf dem Ballermann hört, und einige Eigenkreationen mit ähnlichem Sound und Aufbau. Ich bin nicht betrunken genug, um irgendwas damit anzufangen, sehne mich aber trotzdem nach Mallorca. Dort wäre es nämlich warm genug, um mir irgendwo am Strand ein Plätzchen zum Schlafen zu finden. Das wäre ganz nett, denn die SBB App hat mir inzwischen mitgeteilt, dass nicht nur die Zugverbindung, sondern auch der Schienenersatzverkehr zwischen Bern und Fribourg ausfällt, und ich damit in Zürich gestrandet bin. Das Ufer der Limmat ist mir bei den angekündigten Minusgraden aber etwas zu kalt. Nun zurück zur musikalischen Hufeisentheorie – ist Excrementory Grindfuckers der „missing link“ zwischen Napalm Death und Helene Fischer? Sie haben zumindest wie letztere ein Weinachtsalbum herausgebracht, und singen natürlich genauso schön.
- Nein kein Grindcore
- Excrementory
- Brandschatzen
- Looking for Grindcore
- Heimscheisser
- Philosofotze
- Is aber nicht, oder
- Und jetzt Schön Crack
- Arbeit
- Taschengeld
- Halb & Halb
- Du Hast den Alkohol Nie Wirklich geliebt
- Picknick im Zenit metaphysischen Widerscheins der astralen Kuhglocke
- Vater Morgana
- Hallo Bomme
- Metal im Blut
- (enc) Wer Will Grindfuckers
- Mexicore
- Final Grinddown
Ganz so überzeugend wie in den letzten Jahren war das Line-Up für die fünfte Edition des Züri Gmätzlets nicht, und die Weite des Grabens hat schon von Anfang an angezeigt, dass weniger Besucher als sonst erwartet werden. Auf der nicht-ganz Heimfahrt überhöre ich von einem Besucher, dass Grindcore überhaupt nicht sein Ding sei, weil die nur so komische Kostüme anhaben. Tipp also: Wieder etwas „richtigen“ Grindcore dabei zu haben. Mal schauen, wie es nächstes Jahr aussieht…